Seidenarten: Maulbeerseide, Wildseide und Webarten im Überblick
Seidenarten unterscheiden sich nach dem Insekt, das den Faden gesponnen hat, Seidenstoffe außerdem nach der Art, wie aus dem Faden ein Stoff gewebt wird. Maulbeerseide stammt vom gezüchteten Maulbeerspinner, während Tussahseide, Eriseide und Mugaseide von anderen, teils wilden, teils gezüchteten Seidenspinnern kommen; Charmeuse, Habotai und Crêpe de Chine sind dagegen Gewebe und keine eigenen Seidenarten. In der Faserangabe auf einem Etikett in der EU heißt die Seide all dieser Insekten schlicht „Seide“.
Faser oder Gewebe: zwei Wege, Seide zu ordnen
Seide ist eine Faser, Satin ist eine Webart. Die Faser entsteht im Kokon einer Seidenraupe, und je nachdem, welche Raupe ihn gesponnen hat, heißt sie Maulbeerseide, Tussahseide, Eriseide oder Mugaseide. Woraus diese Faser besteht und wie sie gewonnen wird, erklärt unser Grundlagenbeitrag über Seide. Das Gewebe entsteht erst am Webstuhl: Namen wie Charmeuse, Habotai oder Crêpe de Chine beschreiben, wie die Fäden verkreuzt sind, und nicht, von welchem Insekt sie stammen. Ein Gewebe aus Seidenfasern in Satinbindung heißt Seidensatin, dort treffen sich beide Begriffe.
Ein Name wie „Charmeuse aus Maulbeerseide“ verbindet deshalb zwei Angaben, eine Faser und ein Gewebe. Worin sich Seide von Satin aus Polyester unterscheidet, erklärt der Beitrag Seide oder Satin. Wie sich die Faser Seide von einer Pflanzenfaser unterscheidet, zeigt der Vergleich Seide oder Baumwolle.
Seidenarten nach Seidenraupe
Maulbeerseide stammt vom domestizierten Maulbeerspinner (Bombyx mori), dessen Raupen mit Maulbeerblättern gefüttert werden. Die englischsprachige Fachliteratur fasst die übrigen Seidenspinner unter dem Begriff „non-mulberry“ zusammen. Die bekanntesten gehören zur Familie der Saturniidae: Mehrere Arten der Gattung Antheraea liefern Tussahseide, Antheraea assamensis liefert Mugaseide, und von Samia ricini stammt die Eriseide.
| Seidenart | Seidenspinner | Zucht oder wild | Merkmal laut Quelle |
|---|---|---|---|
| Maulbeerseide | Maulbeerspinner (Bombyx mori) | domestiziert | mit Maulbeerblättern gefüttert |
| Tussahseide, auch Tasarseide | mehrere Arten der Gattung Antheraea | wild oder halb domestiziert | bräunlich und gröber als Zuchtseide |
| Eriseide | Samia ricini | domestiziert | einziger domestizierter Seidenspinner außer dem Maulbeerspinner |
| Mugaseide | Antheraea assamensis (auch A. assama) | halb domestiziert | goldfarbene Seide; der Spinner ist im Nordosten Indiens heimisch |
Auch Fäden und Kokons sind verschieden gebaut. Eine Studie aus dem Jahr 2023, die Seide des Maulbeerspinners mit der von zwanzig Arten aus der Familie der Saturniidae verglichen hat, fand bei den untersuchten Saturniidae flache, bandartige Filamente, beim Maulbeerspinner dagegen Filamente mit dreieckigem Querschnitt, und in Kokons der Gattung Antheraea vergleichsweise viel Calciumoxalat, ein Mineral. Kokons wilder Seidenspinner können sich unter den Bedingungen, die beim Maulbeerspinner funktionieren, nur schwer oder gar nicht abhaspeln (abwickeln) lassen; eine Studie aus dem Jahr 2011 an der Art Gonometa postica führt das auf Minerale zurück, die in den Kokon eingelagert sind.
Wildseide und Tussahseide: was die Namen bedeuten
Maulbeerseide stammt vom domestizierten Maulbeerspinner; Wildseide ist ein Sammelname, oft für Seide aus der Gattung Antheraea, etwa Tussahseide. Einheitlich verwendet wird der Name Wildseide allerdings nicht. Die Materialdatenbank CAMEO des Museum of Fine Arts Boston setzt Tussah und Wildseide gleich, und eine Studie aus dem Jahr 2022 zählt auch die Seide von Samia zur Wildseide, obwohl die Eriraupe als domestiziert gilt. Genauer ist deshalb die Unterscheidung der Fachliteratur: Seide vom Maulbeerspinner und Seide von allen anderen Spinnern.
Auch hinter dem Namen Tussahseide steht keine einzelne Spinnerart. Nach der Studie von 2022 kann der Name, ebenso wie Tasarseide, verschiedene Seidenspinner der Gattung Antheraea bezeichnen, die in tropischen bis gemäßigten Regionen im Südwesten Chinas und in Indien leben. Laut CAMEO ist Tussahseide bräunlich, und ihre Filamente sind gröber als die von Zuchtseide.
Was auf dem Etikett steht
Für die Faserangabe auf Textilien gilt in der EU die Verordnung (EU) Nr. 1007/2011. Ihr Anhang I kennt für Seide einen einzigen Eintrag und beschreibt Seide als „Faser, die ausschließlich aus Kokons seidenspinnender Insekten gewonnen wird“. Maulbeerseide, Tussahseide, Eriseide und Mugaseide fallen damit unter denselben Namen, und Wörter wie „Tussah“, „wild“ oder „Maulbeer“ sind beschreibende Zusätze, die nicht zur Faserbezeichnung gehören. Auf dem Etikett steht die Faserzusammensetzung, und „Seide“ ist eine geregelte Faserbezeichnung; die Liste der Faserbezeichnungen unterscheidet keine Spinnerarten, „Maulbeerseide“ ist der Zusatz des Anbieters.
Besteht ein Stoff aus mehreren Fasern, nennt die Faserangabe jede davon mit ihrem Gewichtsanteil in Prozent. Stoffe, die als Kunstseide verkauft werden, sind nach dieser Verordnung keine Seide: Die Bezeichnungen aus Anhang I dürfen weder alleinstehend noch in Wortverbindungen oder als Eigenschaftswort für andere Fasern verwendet werden.
Arten von Seidenstoffen: Faden, Bindung, Gewebe
Bevor gewebt wird, entsteht aus den Kokons ein Faden, und zwar auf zwei Wegen. „Reeled silk“ ist nach dem englischsprachigen Random House Unabridged Dictionary ein langer Faden aus Seide, die von mehreren Kokons abgehaspelt und nicht gezwirnt wurde. Schappeseide, auch Florettseide genannt, ist nach dem Duden aus den kurzen Fadenenden des Kokons gesponnene Seide, und Bourrette ist nach demselben Wörterbuch ein Gewebe in Taftbindung aus Abfällen, die bei der Herstellung von Seide entstehen.
Für die hier beschriebenen Gewebe sind zwei der drei Grundbindungen wichtig. In der Leinwandbindung, auch Taftbindung genannt, läuft jeder Schussfaden (quer) abwechselnd über einen Kettfaden (längs) und unter den nächsten. In der Satinbindung, wie CAMEO sie für Charmeuse beschreibt, laufen die Kettfäden jeweils über vier oder mehr Schussfäden hinweg; diese frei liegenden Fäden geben der Vorderseite ein glattes, glänzendes Aussehen, die Rückseite bleibt matt. Fachlich heißt diese Bindung auch Atlasbindung.
Charmeuse ist nach CAMEO ein leichtes Gewebe in Satinbindung mit glänzender Vorderseite und matter Rückseite. Von einfachem Satin unterscheidet sie sich durch ein anderes Verhältnis der frei liegenden Fäden auf der Vorderseite und durch ein geringeres Gewicht, und sie kann aus Seide, Polyester oder Viskose bestehen. Charmeuse-Seide, also Charmeuse aus Seide, ist damit eine von mehreren Varianten. Nach dem Fairchild Books Dictionary of Textiles, wie es die englischsprachige Wikipedia im Artikel „Crêpe (textile)“ anführt, ist Crêpe Charmeuse ein leichter Seidensatin mit Krepprückseite.
Habotai, auch Habutai geschrieben und im Englischen China silk genannt, ist nach CAMEO ein weiches Gewebe in Leinwandbindung aus Rohseide, die ihm eine unregelmäßige Struktur gibt. Ursprünglich wurde es in Japan gewebt. Habotai-Seide wird nach ihrem Gewicht in Momme angeboten, der Einheit für das Gewicht von Seidenstoffen.
Crêpe de Chine ist nach dem Fairchild Books Dictionary of Textiles ein feines, leichtes Gewebe in Leinwandbindung mit kreppgedrehten Schussfäden. Es kann aus Seide, Baumwolle oder Kammgarn bestehen, Crêpe-de-Chine-Seide ist also eine von mehreren Varianten.
| Gewebe | Bindung | Kennzeichen | Gewicht laut Quelle |
|---|---|---|---|
| Charmeuse | Satinbindung | glänzende Vorderseite, matte Rückseite | leichter als einfacher Satin |
| Crêpe Charmeuse | Satinbindung | Krepprückseite | leicht |
| Habotai | Leinwandbindung | weich, unregelmäßige Struktur | nach Gewicht in Momme angeboten |
| Crêpe de Chine | Leinwandbindung | fein, kreppgedrehte Schussfäden | leicht |
Momme und Webart sind unabhängig voneinander: Eine Satinbindung und eine Leinwandbindung fühlen sich beim gleichen Momme-Wert deutlich verschieden an.
Wie du den Namen eines Seidenprodukts liest
In einer Produktbezeichnung können vier getrennte Angaben stecken: die Faser (Seide, mit oder ohne Zusatz wie „Maulbeer“ oder „Tussah“), das Gewebe (etwa Charmeuse), das Gewicht in Momme und die Güteklasse der Rohseide. Nennt ein Angebot nur eine davon, bleiben die anderen offen. Was die Momme-Zahl aussagt, erklärt der Beitrag über Momme. Die Güteklasse, etwa 6A, bewertet mehrere Merkmale der Rohseide zusammen; was dahintersteckt, steht im Beitrag über Maulbeerseide.
Auch die Pflege lässt sich aus der Seidenart nicht ablesen. Die Faserbezeichnung „Seide“ legt keine Temperatur fest: Zwei Gewebe aus derselben Faser können unterschiedliche Angaben tragen, weil Ausrüstung, Färbung und Verarbeitung mitentscheiden. Wie du Seide wäschst, zeigt die Anleitung Seide waschen.
Was eine Seidenart nicht verrät
Der Name einer Seidenart ist keine Qualitätsstufe. Ob ein Stoff aus Maulbeerseide oder aus Tussahseide besteht, sagt für sich genommen nicht, wie er hergestellt oder ausgerüstet wurde.
Mehrere der Händlerseiten, die wir gelesen haben, erklären eine Seidenart zur „feinsten“ oder „besten“, ohne eine Quelle zu nennen. Für diesen Überblick haben wir auch keine Studie gefunden, die Seidenarten im Hinblick auf Schlaf oder Haar vergleicht.
Material und Siegel unserer Seidenkissenbezüge
Die folgenden Angaben gelten für die Kissenbezüge von RENESSY. Unsere Seidenkissenbezüge sind aus 100 % Bio-Maulbeerseide mit 22 Momme gefertigt, und die verwendete Rohseide ist in die Güteklasse 6A eingestuft, die höchste Klasse der chinesischen Rohseidennorm (GB/T 1797). Seide liegt auf beiden Seiten, eine Rückseite aus Baumwolle oder Polyester gibt es nicht. Geschlossen werden die Bezüge mit einem verdeckten YKK-Reißverschluss. GOTS, kurz für Global Organic Textile Standard, stellt Anforderungen an Textilien aus biologisch erzeugten Fasern und an deren Verarbeitung. Die Seide ist GOTS-zertifiziert. Das Label OEKO-TEX MADE IN GREEN verbindet eine Prüfung auf Schadstoffe mit einer Herstellung in zertifizierten Betrieben. Die Kissenbezüge tragen das OEKO-TEX MADE IN GREEN Label mit der Label-ID M27MNB1V9, die du auf der Website von OEKO-TEX nachschlagen kannst. Die Kissenbezüge tragen das Dermatest 5-Star-Siegel und das Dermatest-Siegel Sensitive Skin, dermatologisch getestet für empfindliche Haut.
Häufige Fragen zu Seidenarten
Ist Tussahseide echte Seide?
Ja, Tussahseide ist echte Seide, denn sie stammt von Seidenspinnern der Gattung Antheraea, und die Textilkennzeichnungsverordnung der EU fasst alle Fasern aus Kokons seidenspinnender Insekten unter dem Namen „Seide“ zusammen. „Tussah“ ist kein eigener Fasername, auf dem Etikett findest du deshalb „Seide“.
Welche Seidenarten gibt es?
Nach dem Insekt gibt es Maulbeerseide, die vom Maulbeerspinner stammt, sowie Tussahseide, Eriseide und Mugaseide von anderen Seidenspinnern. Charmeuse, Habotai und Crêpe de Chine sind keine Seidenarten, sondern Gewebe, und Charmeuse und Crêpe de Chine gibt es auch aus anderen Fasern als Seide.
Was unterscheidet Charmeuse von Habotai?
Charmeuse ist ein leichtes Gewebe in Satinbindung mit glänzender Vorderseite und matter Rückseite, Habotai ein weiches Gewebe in Leinwandbindung mit unregelmäßiger Struktur. Beide Namen beschreiben das Gewebe und nicht die Seidenraupe.
Ist Maulbeerseide dasselbe wie Charmeuse?
Nein, Maulbeerseide ist eine Faser vom Maulbeerspinner, Charmeuse dagegen ein Gewebe in Satinbindung, das aus Seide, Polyester oder Viskose bestehen kann. Charmeuse aus Maulbeerseide verbindet beides, und die Faserangabe zeigt dir, ob Seide, Polyester oder Viskose verwendet wurde; die Faserbezeichnung „Seide“ selbst nennt keine Spinnerart.
Quellen
- Schmidt T, Puchalla N, Schendzielorz M, Kramell AE. Degumming and characterization of Bombyx mori and non-mulberry silks from Saturniidae silkworms. Scientific Reports. 2023;13:19504. doi:10.1038/s41598-023-46474-5
- Lee B, Pires E, Pollard AM, McCullagh JSO. Species identification of silks by protein mass spectrometry reveals evidence of wild silk use in antiquity. Scientific Reports. 2022;12:4579. doi:10.1038/s41598-022-08167-3
- Gheysens T, Collins A, Raina S, Vollrath F, Knight DP. Demineralization enables reeling of wild silkmoth cocoons. Biomacromolecules. 2011;12(6):2257-2266. PMID 21491856. doi:10.1021/bm2003362
- Pal S, Kundu J, Talukdar S, Thomas T, Kundu SC. An emerging functional natural silk biomaterial from the only domesticated non-mulberry silkworm Samia ricini. Macromolecular Bioscience. 2013;13(8):1020-1035. PMID 23733347. doi:10.1002/mabi.201300013
- Arunkumar KP, Sahu AK, Mohanty AR, et al. Genetic Diversity and Population Structure of Indian Golden Silkmoth (Antheraea assama). PLoS ONE. 2012;7(8):e43716. doi:10.1371/journal.pone.0043716
- Tussah silk. CAMEO, Museum of Fine Arts Boston. https://cameo.mfa.org/wiki/Tussah_silk
- Charmeuse. CAMEO, Museum of Fine Arts Boston. https://cameo.mfa.org/wiki/Charmeuse
- Habutai. CAMEO, Museum of Fine Arts Boston. https://cameo.mfa.org/wiki/Habutai
- Tortora PG, Johnson I. The Fairchild Books Dictionary of Textiles. 8. Auflage. London: Bloomsbury Academic, 2013, S. 157, Einträge „Crêpe charmeuse“ und „Crêpe de chine“, zitiert nach Wikipedia, Crêpe (textile). https://en.wikipedia.org/wiki/Cr%C3%AApe_de_Chine
- Plain weave. Wikipedia. https://en.wikipedia.org/wiki/Plain_weave
- Reeled silk. Dictionary.com Unabridged, nach dem Random House Unabridged Dictionary. https://www.dictionary.com/browse/reeled-silk
- Florettseide, Schappeseide, Bourrette. Duden, Das große Wörterbuch der deutschen Sprache, 1999, im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS). https://www.dwds.de/wb/Florettseide, https://www.dwds.de/wb/Schappeseide, https://www.dwds.de/wb/Bourrette
- Verordnung (EU) Nr. 1007/2011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. September 2011 über die Bezeichnungen von Textilfasern und die damit zusammenhängende Etikettierung und Kennzeichnung der Faserzusammensetzung von Textilerzeugnissen und zur Aufhebung der Richtlinie 73/44/EWG des Rates und der Richtlinien 96/73/EG und 2008/121/EG des Europäischen Parlaments und des Rates, Artikel 5 und 9, Anhang I (berichtigt, ABl. L 120 vom 5.5.2012, S. 16).


